Blindflug

Es ist ein Scheißtag, dieser 21. Dezember 2020. Der Himmel ist dunkelgrau, es regnet und ich bin mit Dario spazieren. Ich höre einen Podcast, bei dem es um „mindfulness“ geht. Meine abgefuckten Gedanken schweifen immer wieder ab. (Anmerkung an Lektorin: Mein Fluchen wird nicht zensiert!!! Es ist mir scheißegal!!!)

Ich frage mich, wie oft Dario und ich schon diese Gassirunde gelaufen sind. Ich könnte dazu eine Formel aufstellen und es ausrechnen, aber ich kann nicht rechnen und ich habe auch kein Verlangen danach, es zu wissen. Es ist mir scheißegal!!!

Meine Winterstiefel sind viel zu warm für diesen Tag. Seit Wochen liegen im Treppenhaus kleine Erdhäufchen, die sich von meinen Solen gelöst haben. Ich gehe mindestens drei Mal am Tag das Treppenhaus hoch und runter und denke jedes Mal: „Scheiße, ich muss das wegkehren.“ Aber ich tue es nicht. Stattdessen schiebe ich die besonders großen Häufchen einfach nur zur Seite – in der Hoffnung, dass es keinem auffällt. Manchmal denke ich auch, dass ich mich an der Reinigungskraft rächen möchte. Seit drei Wochen kehrt sie den Dreck auf der Etage einfach in meine Wohnung. Aber ich mag sie und sie mag mich. Das weiß ich, weil sie mir erst neulich erzählt hat, dass ich eine gute Zahlerin bin. Sie kann sich auf mich verlassen und das macht mich kurz auch etwas stolz. Ich bin froh, dass ich in ihren Augen zuverlässig bin. In meinem Grundschulzeugnis hätte stehen können: „Melanie gibt stehts ihre Hausaufgaben zuverlässig ab und erscheint immer pünktlich zum Unterricht.“

Bravo!!!

Dario bleibt mehrmals stehen. Ich ignoriere es zunächst und zerre ihn einfach hinter mir her (Tierquälerin). Sein Stop-and-go fängt an zu nerven und erst dann nehme ich die Schleifgeräusche hinter uns auf dem Boden wahr. Ich drehe mich um. Ich sollte öfter auf meinen wachsamen Hund hören. Es könnte mich sonst vielleicht auch irgendwann mein Leben kosten. Meine Naivität sollte doch langsam wirklich Grenzen haben! Vielleicht wird mich jemand am helllichten Tag von hinten mit einer Axt niederschlagen. Ja, kann alles passieren!

Hinter uns spaziert ein blinder Mann mit seinem Blindenstock auf uns zu. Ich laufe etwas schneller, damit wir ihm nicht im Weg stehen. Er kommt etwas vom Weg ab und in mir rattert es schon: „Soll ich ihn fragen, ob ich ihm helfen kann?“

Ich tue es!

„Kann ich Ihnen helfen? Wo möchten Sie hin?“

Der Mann bleibt nicht stehen. Er antwortet mir, dass er diesen Weg hier entlang gehen möchte, in Richtung Hessischer Rundfunk.

„Ja, da sind sie hier auf dem richtigen Weg.“

Was für eine bekloppte Aussage von mir – natürlich weiß er, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich noch eine dümmere Bemerkung von mir geben werde.

Ich versuche mit ihm Schritt zu halten, weil ich denke, wenn er meine Fußschritte und das Klackern der Leine hört, wird es ihm sicher leichter fallen, geradeaus zu laufen. Er kann sich nach mir richten.

Wir laufen auf eine riesige tiefe Pfütze zu – mitten auf dem Weg.

Ich rufe: „Gleich kommt eine riesige Pfütze, wenn Sie sich etwas links halten, bleiben Ihre Füße trocken.“

Er erklärt mir daraufhin, ohne auch nur eine Sekunde langsamer zu werden, dass dies kein Problem für ihn wäre, da er gutes Schuhwerk anhat.

Ich schaue mir seine Schuhe an. Ja, das sind Trekking-Schuhe.

Ich bekomme ein beklemmendes Gefühl. Ich schäme mich auch etwas, obwohl der Mann mich nicht sehen kann und sehr nett reagiert hat.

Er kennt den Weg. Er weiß, wo er lang muss.

Ich muss ihm nicht die Richtung vorgeben.

Er wird noch einen hohen Bordstein mit seinem Blindenstock ertasten und eine Straße überqueren.

Er weiß, was er tut. Er sieht sicher aus. Auch, wenn er manchmal vom Weg abkommt.

Mir kommen die Tränen, weil ich erst neulich darüber nachgedacht habe, was schlimmer ist: blind oder gehörlos sein.

Diese Frage, die man mindestens einmal im Leben gestellt bekommt: „Blind oder gehörlos?“

„Blind“, sage ich! Ich brauche Worte. Ich brauche Musik. Ich muss das Kotzen vom Hund hören.

Ich sehne mich nach Taten.

Ich stehe an der Straße, die ich gleich überqueren werde und schaue mich nach dem blinden Mann um.  Er ist fast am Bürgersteig. Ich halte inne und starre ihn an. Eine Stimme in mir zwingt mich zum Schweigen: „Halt die Klappe Melli! Er weiß, wann er gehen muss.“ Am liebsten möchte ich schreien: „Alles frei! Sie können jetzt loslaufen.“ Aber wenn ich das tue und er dann überfahren wird, bin ich schuld.

Ein weißer Audi kommt immer näher. Der Mann läuft auf die Straße.

Kurz halte ich die Luft an und beobachte was passiert.

Der Audi wird langsamer.

Der Blindenstock berührt den Bordstein auf der anderen Straßenseite. Er hat es geschafft. Der Mann läuft weg. Unsere Wege können sich jetzt nicht mehr kreuzen.

Später denke ich nochmal darüber nach, wie seine Klamotten aussahen. Sie waren nicht bunt. Er trägt offensichtlich gerne dunkle Kleidung. Die passt zu allem. Vielleicht wurde er von jemandem beraten. Von jemandem, den er um Hilfe gebeten hat.

Melli

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