Pediküre- verfolgt vom Schönheitsideal

Ein ungewöhnlicher Tag stand mir gestern bevor. Meine große Schwester hatte es doch tatsächlich geschafft meinen Neffen für knapp vier Stunden in die Obhut ihres Mannes zu geben- das ist schon sehr ungewöhnlich! Dementsprechend war die Freude natürlich groß, als ich vorschlug, nach dem gemeinsamen Mittagessen beim Inder, eine Pediküre machen zu lassen.

Schon am Vorabend hatte ich versucht einen Termin bei einem professionellen Kosmetikstudio zu bekommen. Doch es war aussichtlos- in Frankfurt haben die Leute wohl zu viel Geld und jeder investiert in seine Schönheit. Eine Alternative musste her die sich L.A. Nailstyle nennt. Schon alleine nur vom Namen zu urteilen, hatte ich keine großen Erwartungen an die bevorstehende Pediküre.

(Kommentar meiner Lektorin: „Melli da war ich doch 1x wegen der Gelnägel, was der Horror war!!!“)

Unmotiviert wurden wir gebeten unsere Plätze einzunehmen, während das Wasser in beiden Fußbecken schon einlief. In dem Fußbecken, dass für meine Schwester vorgesehen war, befand sich vorher noch eine Plastikblume, die man wohl dort gewaschen hatte. Plastikblume raus, Wasser rein. Warum sich auch erstmal die Mühe machen das Fußbecken nochmal sauber zu machen?

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Die Qual der Wahl- welche Nagellack Farbe soll es sein? Bild von Pixabay

„Das Leben ist zu kurz um Deutsch zu lernen“. (Oscar Wilde 1854 – 1900)

Schnell noch jeder einen Nagellack ausgesucht und ab in die „Entspannungsoase“. Mit uns (Kunden!!!) wurde kein Wort geredet, außer dass man uns bereits am Anfang eine „Wellness-Pediküre“ andrehen wollte. Ich musste allerdings drei Mal nachfragen was sie denn genau uns mitteilen will, weil ich kein Wort von dem verstanden habe. Mein Vater, Italiener, spricht nach knapp 35 Jahren in Deutschland auch nur ein sehr gebrochenes Deutsch, für das es wirklich keine Entschuldigung gibt. Allerdings erwarte ich, wenn man schon in der Dienstleistungsbranche ist, dass man sich ein wenig mehr Mühe gibt.

Also unterhielten sich beide „Pedikür-Meisterinnen“ in ihrer Sprache und ich kam mir etwas hintergangen vor, weil ich kein Wort verstand! Meine Schwester störte das kein bisschen. Sie lag tiefen-entspannt in ihrem Massagesessel, den sie nicht angemacht hatte und blätterte verträumt in einer Frauenzeitschrift, die es nun auch praktischerweise im A5 Format gibt.

„Auch das Schöne muss sterben“ (Johann Christoph Friedrich von Schiller 1759 – 1805)

Ich krallte mir ebenfalls eine der bekanntesten Frauenzeitschriften auf dem Planeten und inspizierte erstmal das Cover. Mir sprang natürlich sofort die wunderschöne Frau entgegen, die glücklich vollbusige, aber trotzdem sehr schmale Frau, die es geschafft hatte und deren Karriere jetzt erst recht in die Höhe schießen wird. Der Inhalt hörte sich sehr vielversprechend an. Unter anderem: „ Die 22 besten Tipps für den perfekten Bikinibody“, „5 Tricks, die sie zur Sexgöttin machen“ und „ Anti-Aging in 12 Stunden, endlich straffe Haut“.  Bei einer so guten Themenauswahl hoffte ich natürlich, dass die Pediküre lang genug dauert, damit ich inhaltlich alles verschlingen kann, was mir da an redaktioneller Hochleistung geboten wird.

Ich mache mir nie die Mühe zu schauen auf welcher Seite meine favorisierten Artikel sind und blättere einfach drauf los. Kurz erhasche ich aber noch einen Blick auf meine Füße, als die „nette“ Dame doch wirklich anfangen will meine Fußnägel farbig zu lackieren ohne vorab Unterlack drauf zu pinseln. Höflich aber sehr bestimmt wies ich sie darauf hin, dass ich gerne Unterlack vorerst aufgetragen haben möchte. Mit einem leisen Murren wurde dies dann auch umgesetzt.

Beim Durchblättern meiner Wahlfrauenzeitschrift sprang mir auf jeder zweiten Seite eine gut gestylte, faltenfreie, leicht gebräunte Frau entgegen, die mich dazu animieren wollte das Produkt, für das sie wirbt zu kaufen, von dem sie selbst sooooo überzeugt ist. Würde ich mich wirklich der Kaufsucht hingeben, kann ich davon ausgehen, bereits nach dem ersten umworbenen Produkt in Konflikt mit meinem Vermieter zu kommen, da ich meine Wohnung dann nächsten Monat nicht zahlen könnte. Es erschließt sich mir nicht, warum in einer Frauenzeitschrift, die nicht mehr als drei Euro kostet Werbung enthalten ist von Produkten, die sich noch nicht mal eine erfolgreiche Managerin leisten könnte, die in der Unternehmensberatung tätig ist.

Nachdem ich Seite Nummer acht hinter mich geblättert hatte und schon leicht deprimiert reinblickte, weil mir wieder sehr schön vor augengeführt wurde, dass ich einfach nur eine Durchschnittsfrau bin, die froh sein kann, dass sie noch über keine erheblich tiefen Falten verfügt, werde ich von meiner Pedikür-Meisterin unterbrochen. Ich werde gebeten wo anders Platz zu nehmen um meinen Nagellack unter einem Ventilator trocknene zu lassen.

„Vom Standpunkt der Jugend aus gesehen, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit.“ (Arthur Schopenhauer 1788 – 1860)

Ich beobachtete meine Schwester von hier aus, die bereits schon wieder ihr Smartphone in der Hand hatte, um wahrscheinlich zu prüfen, ob ihr Mann mit der großen Herausforderung klar kommt sein Kind zu hüten. Oder sie hatte einfach die Schnauze voll von der Frauenzeitschrift, die sie vorher in der Hand hielt, und sucht zur Abwechslung mal im Internet nach inhaltlich gut recherchierten Berichten.

Lächelnd blickte meine Schwester auf und erwidert meinen Blick. Ich wachte aus meinen Tagträumen auf. Jetzt saßen wir also beide beim „trocknen“ und unterhielten uns über alte Zeiten. Zeiten in denen das Leben so unbeschwert war und wir zur späten Abendstunde unsere „Autorunden“ fuhren, um Benzin zu verbrasseln und unsere Lieblingslieder laut mitzugröhlen. Zeiten, in denen ich mitfieberte, wenn meine Schwester ein Date hatte und ich ihr stundenlang dabei zuschauen konnte, wie sie sich „ausgehfertig“ machte. Zeiten, über die meine Schwester und ich sehr gerne reden, und dabei immer etwas melancholisch werden.

Klar gab es schon damals den verrückten Körperkult, der uns Teenager weißmachen wollte, dass wir nie schön sind, weil wir nicht entsprechend hart unseren Körper formen, ihm Essen versagen und stundenlang Fitnesstrainings absolvieren. Aber wir konnten uns davon gut schützen, weil wir nicht ständig vom angelblichen Perfektionismus umgeben wurden. Das Internet hatte uns noch nicht in seinem Bann und wir hörten lieber stundenlang CD’s von selbsternannten DJ’s, tanzen selbstbewusst vor dem Spiegel und fühlten uns begehrenswert so wie wir waren und immer noch sind.

Wer mag sich von seinen Liebsten noch anhören, wie schrecklich ihre Körperformen sind, was sie alles an sich ändern möchten und mit welcher Ernährungsform sie sich demnächst intensiv auseinandersetzen werden, um mindestens 10 Kg abzunehmen?

Wo sind die selbstbewussten Frauen und Mädchen? Und warum wird mir für eine unter-durchschnittliche Pediküre so viel Geld abgezwackt?

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Diese Pfoten sehen besser aus. Bild von Pixabay

Ergebnis der Pediküre: Meine Füße sehen aus wie zuvor nur, dass ich jetzt Nagellack auf den Fußnägeln habe. Prädikat: NICHT empfehlenswert.

Angenehme, spätabendliche Grüße aus dem dunklen Wohnzimmer (meine Augen machen das nicht mehr lange mit)

Melli

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4 Gedanken zu „Pediküre- verfolgt vom Schönheitsideal“

  1. So schön geschrieben. Lustiger schreibstil. Du bist definitiv eine selbstbewusste Frau, dass merkt man schon an deinem schreibstil und muss dich nicht erst kennen 🙂

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