Geldscheine, Kohlenhydrate, Nudeln, Geldbeutel

Umso dicker der Geldbeutel umso weniger Kohlenhydrate

Auszug eines ungewöhnlichen Feierabends

Es ist Freitagabend und ich sitze mit meiner Kollegin auf meinem Balkon im dritten Stock. Die Sonne blendet uns, aber wir beschließen den Sonnenschirm nicht aufzuspannen, da wir uns gleich unfreiwillig in das Getümmel von „sehr wichtigen“ Menschen der Wirtschaft stürzen müssen. Das haben wir unserem Chef zu verdanken, der seinen Freitagabend lieber mit seiner Freundin in Leipzig verbringt.

Ich springe auf und renne ins Schlafzimmer.

Wir haben 19 Uhr und ich stehe total gestresst vor meinem Kleiderschrank und frage mich was man zu so einem unglaublich wichtigem Networking-Treffen anziehen soll. Ich bin eigentlich schon im Feierabend und unter normalen Umständen hätte ich um diese Uhrzeit schon längst meine Schlafanzughose an, die unpassend mit einem Kapuzenpulli kombiniert wird, der schon ein paar Koch- und Essensflecken aufweist. Der unbequeme Hosenanzug kämpft gegen die schlecht sitzende Jeans mit der ungebügelten weißen Bluse. Am Ende gewinnen Jeans und Bluse, obwohl ich mir immer noch unsicher bin, ob ich damit meine Kleidung dem Anlass entsprechend ausgewählt habe. Ich werde es noch früh genug erfahren.

Meine bereits angeschwollenen Füße stecke ich in lack-rote High Heels. Meine Kollegin und ich stürmen die Treppen runter, springen ins Auto und rasen durch die Stadt, um pünktlich anzukommen.

Wir werden von einem netten Herrn mit gelber Weste gebeten auf einem Behindertenparkplatz direkt neben dem Haupteingang zu parken. Wir schreien beide im Auto auf und freuen uns darüber nicht mehr Kilometerweit laufen zu müssen, um dem wichtigsten Termin des Jahres beizuwohnen.

Am Eingang wird uns die Tür charmant aufgehalten und wir werden gebeten unsere Namen zu nennen, um ein gut klebendes Namensschild zu bekommen. Bevor ich mir mein Namensschild auf die Bluse klebe, vergewissere ich mich noch schnell, ob ich auch wirklich nicht die Einzige bin, die das tut. Ich komme mir mit Namensschild immer etwas bekloppt vor. Wo klebt man sich das als Frau, mit mäßigem Busen überhaupt hin? Direkt auf die Brust, damit diese etwas größer erscheint oder doch lieber etwas höher? Der Männeranteil ist bei solchen Wirtschaftstreffen immer verdammt hoch und ich frage mich, wieviele Männer wirklich auf mein Namenschild schauen, ohne dabei meine BH-Größe ausfindig machen zu wollen. Aber wo wenig ist, kann bekanntlich auch nicht viel ausfindig gemacht werden.

Eine lange Treppe führt uns in einen großen Saal und mein Herz schlägt höher als ich die Theke mit der Bierzapfanlage sehe. Ich werde an dem Abend kein einziges Bier trinken – das weiß ich zu dem Zeitpunkt nur leider noch nicht.

Wir werden von einem charmanten Herrn willkommen geheißen und noch beim Händeschütteln vergesse ich seinen Namen. Ich frage mich, ob er sich meinen Namen gemerkt hat? Warum sollte er? Er hat ja nix davon, ich bin ein Gast von geschätzten 80 anderen.

Meine Kollegin stürmt sofort auf die Terrasse zu, um ihrer Sucht dem Rauchen nachzugehen. Ich besorge uns erstmal zwei blutrote Cocktails, die versprechen süß und alkoholreich zu sein.

An der „frischen“ Luft unter Rauchern fühle ich mich immer sehr wohl. Nicht unbedingt, weil ich passiv mitrauche und das Risiko an Lungenkrebs zu sterben damit erhöhe, sondern weil Raucher meistens sehr gesellig sind und viel reden. Ich möchte nicht dementieren, dass ich nicht auch gerne rede, aber es tut auch mal gut einfach zuzuhören und die Stimmung auf einen wirken zu lassen.

Mir fällt sofort auf, dass ich underdressed bin. Meine Jeans fällt aus dem Rahmen. Ich fange an mich etwas unwohl zu fühlen, gehe in Gedanken meinen Kleiderschrank durch und ärgere mich darüber, dass ich nicht einer meiner schicken Kleider angezogen habe. Ich höre mit halben Ohr meiner Kollegin zu, die mir ihre Wochenendpläne schildert und lasse mich durch die anderen Gäste völlig ablenken.

Männer in gut sitzenden Anzügen haben ihre Frauen mitgenommen, die aussehen als hätten sie heute keinen stressigen Tag gehabt und die Zeit hatten, sich um ihr Styling zu kümmern. Ich bin fasziniert von den tollen Make-Ups, den gut sitzenden Frisuren und den Kleidern aus hochwertigen Stoffen.

Ich schaue an mir runter und beschließe, dass ich mich jetzt auf der Stelle unglaublich gut fühle und das Buffet inkl. Getränke genießen werde. Wann gibt es eigentlich endlich was zu futtern? Schon jetzt steigt mir der Alkohol spürbar in den Kopf- ist aber auch kein Wunder, wenn man das Zeug wie Wasser runterspült.

Meine Kollegin und ich sind auf einem Networking-Treffen, schären uns allerdings nicht darum andere „wichtige“ Personen kennenzulernen. Stattdessen plappern wir noch etwas über die Arbeit, genießen unsern Cocktail und fragen uns, ob die Bar auch ein Bananenweizen anbietet. Ich blicke Richtung Terasseneingang und schaue in ein Gesicht, das mit sehr vertraut ist. Sofort schießen mir Bilder in den Kopf, die mich an einer Silvesternacht im Bett liegend, Toastbrot kauend auf einer Hausparty zeigen, auf der ich etwas über den Durst getrunken habe. Mein alter Bekannter kommt direkt auf mich zu und ich freue mich total ihn zu sehen. Was macht er auf dieser Veranstaltung? Was zur Hölle mach ich hier? Diese Frage stelle ich mir jetzt schon zum gefühlten zehnten Mal obwohl ich erst seit acht Minuten hier bin.

Sofort reden wir drauf los – über alte Zeiten, warum er immer noch raucht und stellen fest, dass wir irgendwie ganz schön alt und langweilig geworden sind.

Drinnen eröffnet eine Radiomoderatorin mit einem laut eingestellten Mikrophone den Abend. Die Raucherlungen und ich schlurfen widerwillig in den Saal. Mir kraut es schon von den schlechten Reden, die mir bevorstehen werden.

Menschen, die sich selber gerne reden hören und keine wertvollen wichtigen Gedanken mitzuteilen haben, sind unglaublich anstrengend. Ich schalte auf „Durchzug“ und schaue mich im Saal um. Ein Delikatessen-Einzelhandel wirbt mit großen Bannern am Buffet für seine Produkte. Glauben die wirklich, dass sie mich mit dieser einfallslosen Werbung dazu bringen ihre Produkte demnächst im Supermarkt zu kaufen?

Mir tun die Mitarbeiter des Cateringservices extrem leid, wohlmöglich müssen sie sich oft so sinnlose Reden anhören. Alle stehen sie da, in Reih und Glied und machen ihren Job erstaunlich gut- man kauft ihnen den Gesichtsausdruck ab, dass sie der Rede aufmerksam lauschen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich diese Mimik auch total gut drauf habe: Interessiert schauen, nicken, Kopf leicht zur Seite neigen, aber kein Wort von dem mitbekommen, was der Gegenüber einem mitteilen will. Stattdessen denke ich dann oft darüber nach, was ich mir am Abend zu essen mache, was am Wochenende ansteht und welche Bücher ich demnächst unbedingt lesen will und dass ich mal wieder in die Bücherei muss.

Die Menschenmassen im Saal werden unruhig. Die Redner ziehen trotzdem ihr Programm durch und quälen alle mit unwichtigem Geschwafel. Mein Magen knurrt und ich schiele zu meiner Kollegin, die mir ebenfalls nur noch ein müdes Lächeln schenken kann.

Nachdem endlich das Buffet eröffnet wurde, stürme ich sofort hin und wundere mich, dass sich noch keine Schlange gebildet hat. Es bildet sich auch nach mir keine Schlange. Sind denn alle auf Diät oder was? Auch nach einer Stunde ist noch reichlich Essen da und weil es mir schon extrem peinlich ist, dass ich mir jetzt schon den vierten Teller geholt habe (ich hasse kleine Teller), beauftrage ich meine Kollegin, mir noch ein paar Scheiben Brot zu holen. Der winzige Brotkorb ist noch total voll, was mich vermuten lässt, dass ich mich hier unter Menschen befinde, die auf ihre Kohlenhydratzufuhr extrem achten. Wie kann ich mir bloß am späten Abend (!) böses Weizenmehl Chiabatta reinfeuern?

Beim Kauen meines Nachtisches blicke ich verträumt durch die Mengen und schrecke kurz auf, da mir plötzlich klar wird, dass ich die Einzige bin, die einen Stapel Teller vor sich liegen hat und mich noch drei kleine Muffins anlachen. Ich werde bereits zum zweiten Mal von der Servicekraft gefragt, ob sie meine Teller abräumen darf. Ich verteidige meine „Beute“ zunächst recht gut, aber beim dritten Nachfragen gebe ich auf uns verabschiede mich von meinem unberührten letzten Muffin.

Zweimal werde ich von zwei Herren gefragt, was ich trinken möchte und beide Male bekomme ich nicht mein gewünschtes Radler, sondern einen halbtrockenen Wein den ich nur wiederwillig runterspüle. Warum bringt man einer Frau kein Bier, wenn sie danach verlangt? Bei so viel Unfähigkeit kann ich mir auch selber mein Getränk holen. Klar mit einem Wein kann man besser abgefüllt werden, allerdings bin ich ja nicht blöd und nehme mir nochmal heimlich Brot vom Buffet, um eine bessere „Grundlage“ zu haben.

Der Abend geht für mich sehr früh zu Ende. Ich habe den Altersdurchschnitt dieser Veranstaltung mächtig nach unten gezogen, brauche dementsprechend aber auch mehr Schlaf als die anderen anwesenden Gäste. Meine Oma sagt immer: „Kind, wenn du älter bist, brauchst du nicht mehr so viel Schlaf.“ Und darauf sage ich immer: „Omi, wenn ich mal so alt bin wie du und um 6 Uhr morgens die erste Kundin beim Bäcker bin, denke ich an deine Worte.“

Zu Hause angekommen setze ich mich kurz aufs Sofa und lasse den Abend Revue passieren. Fakt ist: Ich bin nicht satt geworden! Ich stürme in die Küche und bin glücklich, dass mein Schokoriegel noch da liegt, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte.

Die Schokolade stimmt mich extrem glücklich, was auf meine Zuckersucht zurückzuführen ist. Mein Belohnungssystem schlägt sofort an und beim Entspannen schießen mir folgende Fragen in den Kopf:

  • War ich die einzige, die sich nicht dazugehörig gefühlt hat?
  • Waren alle diese Menschen freiwillig an einem Freitagabend auf dem Networking-Treffen?
  • Warum schleppt man sich auf solche Termine, obwohl man in der Zeit lieber was anderes gemacht hätte?
  • Wenn ich morgen im Sterben liegen sollte, werde ich es dann bereuen, nicht das gemacht zu haben worauf ich eigentlich mehr Lust gehabt hätte?
  • Warum denke ich immer noch über diesen Abend nach?

Ich versuche abzuschalten, schminke mich ab und bin unglaublich froh, dass ich vor einem halben Jahr entschieden habe, keine Wimperntusche mehr zu nutzen, weil es beim Abschminken immer so eine Sauerei macht und viel länger dauert bis ich das Zeug wieder von meinen Wimpern bekomme.

Jetzt liege ich natürlich hellwach im Bett, nachdem ich mir noch mit meiner elektrischen Zahnbürste (sehr laut!) die Zähne geputzt habe. Wenn ich nicht schlafen kann, mache ich meine Augen zu und gehe gedanklich meinen Körper durch. Ich fange bei dem Spüren meiner Füße an und komme nie zu meinen Oberschenkeln. Versuch es mal! Absolut hilfreich,um alle vorherigen Gedanken auszublenden und zufrieden einzuschlafen.

Ich wünsche Dir eine gute Nacht und positive Gedanken für einen tollen neuen Start in den nächsten Tag.

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