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Edel shoppen für Anfänger

Vor genau einer Woche sind mir zwei meiner Taschen kaputt gegangen. Der Verlust tat mir nicht sonderlich weh. Ganz im Gegenteil ich war glücklich über das plötzlich abfallende Tascheninventar.

Beide Taschen haben mich bereits fast fünf Jahre begleitet und mit mir einiges durchgemacht.

Sie waren so einigem ausgesetzt:

  • Ausgelaufene Getränke
  • verotzte Taschentücher
  • pissverseuchte Hauptbahnhof-Böden
  • gekaute Kaugummis
  • halb gelutschte Lollis
  • zerbröckelte Lidschatten und
  • endlos viel Urlaubssand

Zufällig (!) war ich an einem verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt. Ich bin an einem kleinen Laden vorbei gelaufen, der zwei wunderschöne Taschen im Schaufenster hatte. Beide Taschen hatten an den Ecken Nieten, sahen aber trotzdem sehr edel und geräumig aus und waren sonst sehr schlicht.

Die schwarze Tasche bestand aus einem glatt-glänzendem Material (ich vermute Leder) und die Tasche in Kaki sah durch das raue Material etwas sportlicher aus.

Voller Hoffnung, dass einer diese Taschen heute Mittag einen neuen Besitzer haben wird, stürmte ich in den Laden und mir viel nicht mal auf, dass im Schaufenster keine Preise ausgeschildert waren, was meine Begleitung noch vor dem Eintreten des Ladens so kommentierte: „Melli, da steht ja nicht mal ein Preis dran. Das wird teuer.“

Ich lasse mich von solchen Kommentaren überhaupt nicht abschrecken.

Was mich wirklich abschreckt, sind Läden, in denen ein Türsteher Wache hält, der mich beim Eintreten der Eingangstür mit einer Mischung aus Freundlichkeit und absoluter Coolness willkommen heißt. Er trägt ein Hörgerät im Ohr an dem ein Stück schwarzes Telefonkabel taumelt, das irgendwo im Jackett verschwindet.

Komischerweise denke ich bei dem Anblick immer an die Mafia. Zu welcher Gangstagruppe hat er Verbindungen? Wird ihm ein Auftragsmord per Hörgerät durchgegeben?

Kaum stehe ich im Laden, kommt eine lächelnde Verkäuferin auf mich zu. Sie ist kaum älter als ich und hat den Dreh raus wie man lässig & hip, perfekt gestylt aussehen kann.

Ihre Haare, zum lockeren Dutt gewickelt, schimmern in einem schönen Caramelton. ihr Make Up ist dezent, die Haut sieht makellos aus und der Lippenstift im blassen Pink, wirkt so perfekt als hätte sie ihn erst vor einer Minute aufgetragen.

Sie erinnert mich an meine große Schwester, die gestern Abend im Restaurant absolut stilsicher einfach wunderschön aussah.

Es beeindruckt mich enorm, wenn ich Menschen sehe, die meiner Meinung nach einen schönen Kleidungsstil haben, wo einfach immer alles zusammen passt und die sicher auch in einem absolut stylischen Schlafanzug zu Bett gehen.

Von meiner Schwester weiß ich allerdings, dass ihre Schlafanzüge schrecklich aussehen.

Jetzt wo ich so darüber nachdenke, schläft meine ganze Familie in unglaublich hässlichen Schlafanzügen.

Meine Omi und meine Mutti schlafen meistens in überdimensional großen Nachthemden, die wie ein Sack am Körper herunterfallen und Gardinen-Muster aufgedruckt haben.

Meine Schwestern und ich haben alte Lumpen an, die auf keinen Fall Pyjama-Party tauglich sind.

Wenn es im Haus nachts brennen würde, müssten wir uns erst schnell umziehen bevor wir aus dem Haus rennen, weil unsere Nachbarn sonst noch auf die Idee kommen könnten, für uns Geld zu sammeln, damit wir uns mal wieder neue Schlafanzüge kaufen können.

Nur mein Bruder, der in einem Hauch von Boxershorts schläft, sieht in seinem Schlafoutfit aus als könnte man ihn zu jeder Nachtzeit wecken, um ihn für die neue Ausgabe auf dem Titelbild der Men Health abzulichten.

Ich schweife schon wieder ab!

Schließlich geht es hier um die wunderschönen Taschen.

Ich frage also die Verkäuferin wie viel die Taschen im Schaufenster kosten.

Sie schätzt die schwarze auf 2, 5. Also 2.500 EUR (!!!!!!!!). Sie will aber nochmal schnell nachschauen wie viel die Tasche in Kaki kostet und quetscht sich durch einen kleinen Spalt zum Schaufenster. 1.700 EUR lässt sie fröhlich verlauten, kommt wieder hervorgekrochen und hält die Tasche locker in der Hand.

Ich zucke noch nicht mal mit der Wimper.

Ich kann sehr gut Schauspielern.

Ich frage ob ich die Tasche mal halten darf. Sie überreicht sie mir mit einem strahlenden Lächeln. Ich schaue sie mir interessiert an. Erzähle wie toll ich sie finde und mache den Reißverschluss auf um mir das Innenleben nochmal anzuschauen.

Gleichzeitig denkt meine Begleitung darüber nach, wie ich aus der Nummer jetzt wieder herauskommen will, zweifelt aber keineswegs an meinem schauspielerischen Talent.

Ich denke peinlich berührt kurz über meine Handtasche nach, die ich gerade bei mir trage und hoffe, dass man es ihr nicht ansieht wie viel sie gekostet hat.

Ich überreiche ihr wieder die Kakifarbende Tasche und sage, dass ich mir die schwarze Tasche nicht mehr anschauen muss, da diese mir schon sehr viel besser gefällt. Die Verkäuferin stimmt total mit mir überein und meint, dass die schwarze etwas „Oma-mäßig“ aussieht.

Ich setzte den „nachdenklichen Blick“ auf und sage, dass ich mir nochmal Gedanken machen muss und auch noch gerne wo anders nach Taschen schauen möchte. Ich werde trotzdem von der netten Verkäuferin gutgelaunt verabschiedet.

Kaum aus der Tür raus müssen meine Begleitung und ich anfangen zu lachen. Wir scherzen darüber, dass die Verkäuferin sicher gleich gedacht hat, dass wir uns verlaufen hätten.

Ich schaue an mir runter und mein Outfit ist mir auf einmal total peinlich.

Ich habe flache, sportliche H&M Halbstiefel an, eine helle Jeans und eine dicken Wintermantel über einem blauen Pulli, der auch mal bessere Tage gesehen hat. Außerdem trage ich einen grauen Schal mit Totenköpfen, meine Haut spannt und weist trockene Stellen auf, weil ich mir vorgenommen habe meine Gesichtshaut in dieser Woche nur mit Wasser zu reinigen und meine Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Wie gehe ich eigentlich aus dem Haus? Jede Minute auf den Straßen Deutschland könnte ich einem Modelscout begegnen, der mich wiederum nicht wegen meiner Klamotten nicht ansprechen wird, sondern, weil ich nicht groß und schlank genug bin, kein wandelbares Modelgesicht habe und sowieso viel zu alt für das Geschäft bin.

Im Grunde genommen ist es egal wie ich rumlaufe.

Mit meinem Aussehen lässt sich kein Geld verdienen.

Die Hauptsache ist also, dass ich mich wohl fühle. Bis vor ein paar Minuten ist mir das auch gut gelungen selbstbewusst in diesen Laden zu spazieren und nach einem Preis zu fragen.

Ich nehme mir vor, kommende Woche nochmal in den Laden zu gehen und die Verkäuferin ehrlich zu fragen, ob sie mir wirklich zugetraut hätte, dass ich mir einer diese Taschen wirklich leisten könnte.Mich interessiert, ob sich Verkäufer wirklich darüber Gedanken machen.

Ich traue mich aber nicht – irgendwie ist mir die Frage auch schon wieder peinlich. Was mir allerdings keineswegs unangenehm wäre, mal zu Fragen zu welchem Friseur sie geht – die Haarfarbe hat es mir angetan.

Grüße aus dem kuschelig, warmen Wohnzimmer

Melli

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