laufen läufer langdistanz fitness weiblich

5 Kilometer mit mir alleine

Es ist kalt draußen- alles unter 15 Grad ist Körperverletzung- fällt für mich auch unter die Kategorie Naturkatastrophe.

Meine Beine frieren trotz dicker Strumpfhose und Jeans so sehr, dass ich beschließe mir noch zusätzlich Thermounterwäsche für den Winter zu kaufen.

Ja genau die, die Oberhalb des Bauchnabels ohne Bund abschließt und so dick ist, dass ich große Mühe habe meine Jeans darüber zu ziehen und die meine Beine etwas dicker aussehen läßt (Masse!!!). Gleichzeitig suggeriert sie einen flachen Bauch, weil ich sie mir zwei Nummern kleiner kaufe- das wird dann alles schön platt gedrückt.

Kilometer 0

Wie bin ich heute Morgen auf die bekloppte Idee gekommen, mir vorzunehmen heute eine Runde Joggen zugehen? Noch bekloppter war aber, dass ich meinen Plan auch noch jedem Lebewesen im Büro mittgeteilt habe.

Auf dem Weg in Richtung Feierabend versuche ich mich selbst zu motivieren, warum heute Abend der absolut beste Abend ist, um draußen laufen zu gehen.

Ich habe keine Lust morgen früh in die mittleidigen Gesichert meiner Kollegen zu schauen, nachdem ich kleinlaut verlauten musste, dass ich doch nicht Joggen war.

Kaum hast Du deine Jacke am nächsten Morgen ausgezogen, wirst Du nämlich gleich neugierig gefragt, ob du auch gestern brav Joggen warst.

Wenn Du verneinst freuen sich alle insgeheim, weil sie nun kein schlechtes Gewissen haben müssen, dass ihr Sport gestern Abend nur daraus bestand, an die kürzeste Supermarktschlange zu sprinten und zwei Einkaufstüten in das Erdgeschoss zu tragen.

Sowas vergessen die Kollegen komischerweise nicht.

Die Sportpolizei lässt grüßen.

Wäre toll wenn sie ihr Gehirn auch in Zukunft für arbeitstechnische Dinge unvergesslich machen könnten.

Im warmen Flur meiner Wohnung angekommen, bin ich fokussiert und voll konzentriert.

Ich darf jetzt nicht den Fehler machen und mich auf das einladende, kuschelige Sofa legen.

Die Küche ist auch tabu- die Wahrscheinlichkeit wäre zu groß, dass ich einfach anfange drauf los zu essen und mit vollen Magen läuft es sich so langsam. Mein Laufschritt passt sich dem Tempo meiner Oma an, wenn sie mit ihrem Hund spazieren geht- noch langsamer und ich kann direkt zu Hause auf der Stelle Joggen.

Ich husche ins Schlafzimmer, mache zu schwungvoll meinen Kleiderschrank auf, es knallt einmal laut und ich frage mich, wann ich diesen Schrank wohl kaputt bekomme.

Heute wäre ein perfekter Zeitpunkt ihn ausversehen zu zerschmettern. Ich muss heute Abend noch einen Schrank kaufen gehen- Joggen fällt demnach aus.

Der Kleiderschrank tut mir den Gefallen allerdings nicht und bleibt, robust wie er ist, stehen. Geschickt werfe ich meine Laufklamotten aufs Bett.

Meine Laufhose könnte enger nicht sitzen und fast will ich aufgeben und mich aufs Bett fallen lassen, doch dann bekomme ich sie doch noch über den Bauch gezogen. Mein Laufoberteil reißt beim Überziehen leicht ein- wie immer also. Allerdings finde ich die Risse nicht und demnach kaufe ich mir auch kein neues Oberteil.

Ich atme schon schwer und brauche definitiv kein Aufwärmprogramm.

Meinen Laufschuhen verpasse ich jeweils einen Doppelknoten, weil ich ansonsten jede 5 Minuten anhalten muss, um sie neu zu schnüren.

Schwungvoll springe ich die Treppen vom 3. Stock nach unten…

und wieder hoch…

Jeweils zwei Stufen auf einmal, mein Po dankt es mir nicht. Ich habe meine Handschuhe vergessen.

Kilometer 1

Ich nehme eine Abkürzung über die Tankstelle, um auf meine gewohnte Laufstrecke an einer der befahrensten Straße in Frankfurt zu kommen. Ich bilde mir trotzdem ein, dass mir die frische Abgasluft gut tut. Beim Überqueren der Tankstelle halte ich kurz die Luft an, um zu verhindern, dass hoch konzentriertes Benzin in meinen Blutkreislauf kommt.

Die erste Fußgängerampel zeigt rot und ich jogge auf der Stelle, um meine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Mir ist das immer sehr unangenehm, wenn ich an der Ampel so vor mir her trabe und von den Autofahrern beobachtet werde.

Ich kenne das Gefühl ja selber als Autofahrer. Kaum sehe ich jemanden joggen, verurteile ich ihn als übermütigen fitnessverrückten Hobbysportler.

Ich überquere die große Kreuzung und laufe nun nah am Tot entlang.

Ich umrunde den Hauptfriedhof.

Kilometer 2

Ich denke ab und zu an den Tot und er macht mir Angst!

Meine Oma meint, dass sich dies im Alter legt. Da hat man dann „nur“ noch Angst krank zu werden und auf die Hilfe von anderen angewiesen zu sein.

Was würde mit meinem Blog geschehen, wenn ich eines Tages tot umfalle?

Meine Geschwister werden beschließen ein Nachwort zu hinterlassen.

Wenn ich Glück habe, wird dieses dann in sechs Monaten veröffentlicht. Bis dahin habe ich dann aber alle meine Abonnenten verloren, weil sie davon ausgehen, dass die faule Kuh keine Lust mehr hat Blogartikel zu schreiben.

Meine drei Geschwister werden darüber diskutieren, was sie schreiben sollen und jeder möchte die Arbeit an den nächsten abdrücken. Am Ende wird keiner Zeit haben was zu schreiben und meine Schwester Je wird auf die glorreiche Idee kommen „Nachwort für eine Tote“ in die Suchmaschinenleiste zu tippen und vom Kopieren und Einfügen gebrauch machen.

An alle Abonnenten, die mir trotzdem bis dahin treu geblieben sind: Erwartet da nicht zu viel!

Kilometer 3

Mir kommt ein Jogger in einer neongrünen, wind- und regenabweisenden Jacke entgegen und urplötzlich bin ich von den Toten wieder erwacht- das Leuchten der Farbe erhellt meinen Geist.

Durch die Hightech-Jacke, die wundervoll im dunklen leuchtet, nehme ich den Jogger automatisch ernst. Der macht das nicht höchsten einmal die Woche so wie ich. Der ist eine hardcore Ausdauermaschine, kennt keine Ausreden und trägt an besonders kalten Tagen eine lange Männerunterhose- die sind besonders sexy.

Da fällt mir ein, dass auf meiner schwarzen Jacke, die ich mir drüber gezogen habe in Großbuchstarben auf dem Rücken PERSONALTRAINER steht. Bei meinem Lauftempo im Moment mache ich allerdings keine gute Werbung für meine Nebenbeschäftigung.

Gut, dass der entgegenkommende Jogger mich nur von vorne sieht. Ich sehe sofort, dass er schneller als ich unterwegs ist. Das motiviert ungemein und ich versuche mein Lauftempo zu erhöhen.

Kilometer 4

Ich komme an einer Bäckerei vorbei und obwohl sie gerade schließen und die letzten süßen Stückchen einpacken, die keiner haben wollte, schießt mir dieser typische Geruch von frischen Brötchen in die Nase.

Es kostet unglaublich viel Kraft diesen süßen Teilen zu wiederstehen und sich nicht jeden Tag damit zu überessen.

Ich spreche aus Erfahrung.

Wenn du jemanden in deiner Familie hast, der eine Konditorausbildung gemacht hat, dann wirst du zugeschüttet mit „Resten“, die alles andere als ungenießbar sind.

Ich beschließe, dass ich morgen vor der Arbeit, meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch abstatte, um mir einer dieser Ahorn- Walnuss-Zimtschnecken zu holen.

Sie haben eine kleine offene Backstube neben  dem Verkaufsraum und man kann gut beobachten, ob jemand sich den Finger in die Nase steckt und gleich danach wieder den Teig knetet oder eines der ofenfrischen Brötchen auf den Boden fällt und wieder aufgehoben wird, um den anderen Brötchen, die zum Verkauf stehen wieder Gesellschaft zu leisten.

Das gibt mir ein gutes Gefühl alles unter Kontrolle zu haben.

Du willst 10 kg abnehmen? Lass dir von jemandem erzählen, wie es in Geschäften zugeht in denen frische Lebensmittel verarbeitet werden.

Kilometer 5

Ich spüre mittlerweile, dass mein Kopf glüht. Meine Mitmenschen nehmen meinen rotes Gesicht war. Ich sehe Unverständnis in ihren Gesichtern.

Bei Kilometer 1 habe ich mich auch noch gefragt, warum ich mir das antue und wie es sein kann das ich noch nicht tot umgefallen bin von der überaus großen Belastung beim Joggen- aber dann ist mir ja mein Blog wieder eingefallen und dass es mit dem Nachwort so einige Komplikationen geben könnte.

Jetzt fühle ich mich unbesiegbar.

Ich denke darüber nach einen Marathon nächstes Jahr zu laufen. Ich werde mir einen vorgefertigten Trainingsplan downloaden und mir eine Pulsuhr mit GPS Funktion kaufen um jeden Schritt zum Erfolg zu dokumentieren.

Ich werde meine Familie zwingen, mich auf der Marathonstrecke anzufeuern. Ich biete auch an, mir selber Plakate zu malen, die sie dann gefälligst hochzuhalten haben.

Wenn man eine große Familie hat, ist es sehr praktisch, da kann an jedem Kilometer ein anderer stehen und dir zuruft, dass du jetzt nicht aufgeben kannst und nur noch 30 Kilometer vor dir hast bevor du zusammenbrechen darfst.

Mein Lauftempo wird nochmal schneller.

Ich fühle mich leicht wie eine Feder und kann mir vorstellen jetzt noch locker 3 Kilometer weiterzulaufen. Doch warum jetzt die ganze Energie verschwenden? Ich brauche noch genug Energie, um mir mein Abendessen zu kochen.

Ich biege wieder in die Tankstelle ein und halte wie gewohnt die Luft kurz an.

Ich werde langsamer.

An der Haustür angekommen, bin ich überglücklich.

Warum muss ich mich immer so aufraffen fürs Joggen?

War doch überhaupt nicht schlimm.

Ich habe es überlebt und mir geht es jetzt viel besser als vorher.

Wie üblich nehme ich bis in den 3. Stock jede zweite Treppenstufe. Jeder Schritt zählt, hat eine ehemalige Arbeitskollegin immer gesagt. In dem Fall zählt jeder Ausfallschritt, um dem Po und den Oberschenkeln den letzten Rest zu geben, um im dritten Stock angekommen keine Kraft mehr zu haben im Stehen die Schuhe auszuziehen.

Ich lasse mich auf eine Treppenstufe fallen und mir wird bewusst, dass ich mich zwar leicht wie eine Feder fühle, allerdings nicht wie eine Feder langsam auf den Boden gleite, sondern wie ein Kartoffelsack auf den Boden knalle.

Ich bekomme die blöden Doppelknoten von meinen dreckigen Laufschuhen nur mir sehr viel Bizepkraft auf.

Ich hinterlasse auf dem Flurboden meiner Wohnung Schweißfußabdrücke und stapfe in die Küche, um einen großen Schluck Wasser zu trinken.

Nach einer heißen Dusche und einen großen Abendessen kuschel ich mich mit meinem Laptop auf die Couch, um mir meinen Marathontrainingsplan runterzuladen.

WAS?

Ich soll drei Monate 4-5 Mal die Woche laufen gehen, um dann einen Marathon laufen zu können in einer mir erträglichen Zeit?

NIEMALS!!!

Liebe Grüße von der ab und zu mal Läuferin,

Melli

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