Kranker Körper – starke Frauen

Seit vier Tagen bin ich erkältet und jeden Morgen habe ich das Gefühl es wird immer schlimmer.

Vor 10 Jahren sah das noch anders aus.

Der Arzt hat einen fünf Tage krank geschrieben und man hat sich riesig gefreut über die neu gewonnene Freizeit.

Zwei Tage krank, drei Tage kreative Freiheit ohne schlechtes Gewissen.

Heute kann ich froh sein, wenn ich nach einer Krankheitswoche nicht nochmal meinen Arzt aufsuchen muss, um ihm zum zweiten Mal die Ohren vollzuheulen.

Ich muss zugeben, ich gehe gerne zu meinem Hausarzt.

Es hat die Brigitte und den Spiegel im Lesezirkel abonniert.

Das weckt in mir Glücksgefühle.

Jeder beschwert sich, wenn er länger als 30 Minuten beim Arzt warten muss. Ich freue mich über jede Minute länger im Wartezimmer.

Lasst mich zwei Stunden hier sitzen.

Das Wartezimmer ist mein einziger Ruhepol in dieser verrückten Welt. Menschen im Wartezimmer sprechen leise oder gar nicht. Alle wissen, dass wir im gleichen Boot sitzen und irgendwelche Wehwechen haben. Ich fühle mich gleich mit allen Patienten sehr verbunden.

Ich möchte natürlich für meinen Arzt der Patient des Monats sein, quasi der Patient der am nettesten ist und gute Laune verbreitet, trotz Rotznase und fettiger Haare. (Meine Haare spiegeln nur wieder wie schlecht es mir wirklich geht).

Hausarzt ist ja sonst so ein verdammt trauriger Beruf. Menschen krank schreiben, die keine Lust auf ihre Arbeit haben; die Krankheitsgeschichte von Rentnern geduldig anhören und Patienten, die in Tupperdosen ihre Fäkalien zur Probe vorbeibringen und diese natürlich wieder verwenden möchten.

In der Ruhe liegt die Krankheit

Ich komme auch leider nicht zur Ruhe, wenn ich krank bin.

Der Haushalt wartet und ist eigentlich nie fertig. Ich komme immer auf die glorreiche Idee auszumisten. Umso mehr Krankheitstage ich im Jahr habe, umso weniger unnütze Sachen befinden sich in meiner Wohnung.

Die freie Zeit muss produktiv genutzt werden, bis man am Ende des Tages wieder feststellt, dass man sich körperlich wieder zu viel zugemutet hat.

Geistesblitz!!!

Ich weiß ganz genau, warum ich jetzt viel länger brauche eine Erkältung wegzustecken.

Ich werde nicht mehr von Mama umsorgt.

Ich bekomme keine Wärmflasche, Tee und Lieblingsessen ans Bett gebracht. Keiner setzt sich an meine Bettkante, streichelt meinen Kopf und sagt mir mitfühlend, dass es bald wieder besser wird und ich nochmal etwas schlafen soll.

Ich kann mich nicht mehr wie früher zwei Tage im Bett einnisten, Bücher lesen, essen (ohne überhaupt was zu schmecken) und viel schlafen.

Ich stelle mal wieder fest, dass ich wirklich erwachsen bin und da jetzt alleine durch muss.

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„Papa ich fühle mich krank!“„Warte ich hol die Mama“

Väter mischen sich ja bei Erkältungsgeschichten ihrer Kinder wenig ein. Das überlassen sie gerne den Müttern, neben den 100 anderen Sachen, aus denen sie sich auch gerne raus halten.

Es besteht ja immer die Gefahr, dass man wegstirbt, wenn der Vater einen mal für ein paar Stunden beaufsichtigt.

Meine Freundin (ich nenne sie hier Vera, um ihre Familie zu schützen und insbesondere ihren Vater) hat mir neulich erzählt, dass ihr Papa mal Duftöl mit Hustentropfen verwechselt hat.

Schlagzeile: Vater verübt einen heimtückischen Attentat auf sein Kind ausAUSVERSEHEN!!!

Ich bin froh das Vera ihre Kindheit überlebt hat und nun eine selbstbewusste starke Frau ist.

Frauen sind verdammt stark, in jeder Lebenssituation verausgaben wir uns, um es allen recht zu machen. Dabei vergessen wir uns manchmal selber.

Ihr merkt es sicher – ich habe mal wieder viele EMMA-Artikel gelesen und feiere jeden Tag die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in unserem Land – für die wir allerdings immer noch kämpfen müssen.

Mir ist in 12 Jahren Berufsleben noch nicht einmal zu Ohren gekommen, dass ein Papa gesagt hat, dass er nach Hause muss, weil sein Kind krank ist.

Mittlerweile nehmen Mütter (zum Glück), trotz Kind, wieder am Arbeitsleben teil und haben wie der Partner auch Vollzeitstellen.

Der Papa darf dann auch mal gerne Mittags sein krankes Kind vom Kindergarten abholen, wenn die Erzieher hysterisch anrufen und das Kind los werden wollen.

Und an alle Eltern, die meinen sie wären im Job nicht ersetzbar: EIN KRANKES KIND GEHÖRT NICHT IN DEN KINDERGARTEN!!!

Meine Schwester erzählte mir letzte Woche, dass berufstätige Eltern sich bei der Kindergartenleitung beschwert hätten, warum sie ihr krankes Kind nicht vorbeibringen dürfen.

Die Welt ist und bleibt verrückt.

Ich setze mich ins Wartezimmer meines Hausarztes und hoffe, dass ich niemals aufgerufen werde.

Deine (kranke)

Melli

Bilder Quelle: Pixabay.com

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