30 – Ein Ausflug ins Partyleben danach

Ich sitze Freitagnachmittag um 15 Uhr schon unruhig in meinem Homeoffice. „Home“ ja – „Office“ nein. Wer arbeitet ernsthaft noch um diese Uhrzeit an irgendwelchen Kundenbelangen?

Ich wühle mich online durch die Clubszene meiner Stadt. Warum ich das tue, kann ich mir nur durch die Motivation meiner kleinen Schwester erklären, die mich regelmäßig daran erinnert, dass es auch ein Leben neben Sofa-Bett Rumliegen,  Essen und mit dem Hund spazieren gibt.

Ich habe ihr stolz verkündet, dass ich heute raussuche, wo wir heute Abend „feiern“ gehen. Ich bin vom Angebot erschlagen, kann aber durch meinen Musikgeschmack vieles bereits aussortieren.

Die Anpreisung der verschiedenen Partys hat es mir total angetan. Hier ein Beispiel:

„Fette Beats und heftige Rhymes sind hier an der Tagesordnung. Wo sich MCs und Rapper die Klinke in die Hand geben, geht auch das Frankfurter Partyvolk hochgradig ab. Im Programm findet man bekannte Größen aber auch Newcomer.“

BOA Geil!!! Das macht so lust auf mehr!

Das wird sie werden: Meine Partynacht mit dem Frankfurter Partyvolk, fetten Beats und heftigen Rhymes.

Meine kleine Schwester wird über den Ablauf des Abends genauestens informiert. Ich gebe ihr eine kurze Agenda mit allen relevanten Eckdaten durch.  Das kann ich gut!

Pünktlich(!) um 22:00 Uhr steht sie vor meiner Haustür und begrüßt erstmal ausgiebig derkleineFuxxa, der sie hektisch und fiepend begrüßt. Ich bin ihr nicht böse, dass sie mich erst Minuten später registriert. Ich denke mir insgeheim, dass ich keine Haarentferungsrolle zu Hause habe und sie später mal schauen kann, wie sie die Hundehaare wieder abbekommt.

Ihre Begrüßung mir gegenüber fällt weniger freudig aus: „Melli, Du bist ja noch nicht mal angezogen!“

Also wenn wir es genau nehmen, bin ich angezogen: khakifarbene ausgewaschene löchrige Jogginhose, überdimensionales ausgeleiertes weißes Shirt, selbstgestrickte Socken von Oma und Hausschlappen. Ich bin mehr als angezogen – aber eben nicht so, wie es meine kleine Schwester gerne hätte.

Wir haben noch genau 45 Minuten Zeit mich ausgehfertig zu machen. Das wäre mit 18 undenkbar gewesen. Da habe ich schon drei Stunden vorher meine Haare absolut akkurat stylisch geföhnt. Heute mit fettigem Ansatz reicht es nur für einen weniger ordentlichen Pferdeschwanz. Es ist dunkel im Club! Keiner sieht es! Es wird auch nicht wahrgenommen, dass ich meinen Lidstrich nicht gleichmäßig gezogen habe. Das einzige was wirklich heute zählt sind Arsch, Titten, tänzerisches Talent und Trinkfestigkeit. (An meine Lektorin: Ich werde mir für Arsch und Titten keine besseren Synonyme einfallen lassen, nur weil du sie nicht schön findest)

Meine kleine Schwester nörgelt an meiner dekorativen Kosmetik rum, während ich vergeblich versuche meine verklepten Wimpern zu trennen. Sie ist der Meinung, dass ich unbedingt noch diesen und jenen Pinsel brauche und unbedingt endlich meine Augenbrauen zupfen muss: „Das geht gar nicht mehr!“

Ich versuche sie auszublenden und konzentriere mich auf das Auftragen von Rouge, das ich ihrer Meinung nach, mit dem komplett falschen Pinsel mache.

Als wäre dies nicht schon genug, darf ich mir von meinem Mitbewohner anhören, dass ich in dem nun frisch angezogenen Kleid aussehe, als könnte man für Geld mit mir schlafen. Meine kleine Schwester mag es hingegen nuttig, und ich frage mich, ab wann ist etwas zu kurz und knapp und warum weiß mein Mitbewohner das so genau.

Da meine Schuhe nicht zum Kleid passen und ich keine Alternative habe, entscheide ich mich für eine schwarze Jeans und weit ausgeschnittenes Oberteil. Beim Umziehen fange ich an laut zu fluchen und mich zu  fragen, warum in Deutschland Prostitution erlaubt ist. Meine kleine Schwester flucht mit und auf einmal hassen wir wieder alle Männer auf der Welt und sind ein Herz und eine Seele.

Nachdem meine Schwester schreiend die Hundehaare von ihren Klamotten geschruppt hat, derkleineFuxxa uns aber nochmal ausgiebig einen schönen Abend wünscht, verlassen wir das Haus doch noch pünkltich um 22:45 Uhr.

Ich wollte mich definitiv nicht später als 23 Uhr ins Partyvolk schmeißen.

Da stehen wir nun. Umzingelt von nix.

Wir und noch fünf andere Frühaufsteher wackeln mit den Hintern zu guter Musik.

Ich versuche meine kleine Schwester damit aufzuheitern, dass wir jetzt den ganzen Club für uns haben: keine schupsenden Leute, keine Glasscherben auf dem Boden, kein Schweißgeruch, alles gut durchlüftet.

Ich hole ihr und mir was zu trinken, um unsere Hüften lockerer zu machen und weil wir einfach mega Durst haben.

Standardgetränk: Malibu mit Bananen- und Kirschsaft.

Nur sehr langsam füllt sich der Club mit stylischen Gästen. Neben uns macht sich eine Frauengruppe breit. Perfekt sitzende Haare, tolle Blondnuancen, super Glätteisen zu Hause. Das fällt mir sofort auf.

Mitfühlend schaue ich auf die 10 cm Absätze der Damen und mir tut der Anblick schon weh. Ich verstehe das so gut! In den jungen Jahren habe ich mich auch regelmäßig in Schuhe gequetscht, in denen ich weder 10 Minuten laufen konnte, geschweige denn tanzen. Passiert auch heute manchmal noch – ich lerne auch nicht immer dazu.

Als mein Blick wieder auf meine kleine Schwester fällt, wird die gerade von einem Mann angemacht, den ich wohl eher als Jungen bezeichnen würde. Als mich meine Schwester hilfesuchend anschaut, weiß ich Bescheid und schreite zur Tat. Ich erfahre, dass heute sein Geburtstag ist; er in Miami schon mal für einen Tag im Knast saß, weil er sich nicht benehmen konnte; und das sein bester Freund, der auch noch dazu kommt, um uns zu „unterhalten“, bei einer Spedition arbeitet. Ja es gibt spannenderes im Leben…

Die beiden lassen nicht locker, ich auch nicht: „Wo kann man sich vor Euch beiden hier genau verstecken?“ Jetzt haben sie die Schnauze voll! Ich weiß nicht so recht, ob es an meiner Frage lag oder weil ich ihnen zwei Minuten vorher erklärt habe, dass ich 30 bin und einer der beiden, meine kleine Schwester doch wirklich auf Ende 20 geschätzt hat. Da konnte selbst meine kleine Schwester nicht mehr nett bleiben.

Wir tanzen ausgelassen weiter.

Als der DJ dann zum dritten Mal einen Song von Rihanna spielt und wir es doch tatsächlich auch merken, weil wir nicht betrunken sind, hauen wir ab.

1:30 Uhr: Wir warten brav auf den Nachtbus. Mein Gejammer hat nichts geholfen. Meine kleine Schwester will Nachtbus fahren. So wie das Studenten eben machen (nach so einer wilden Nacht…).

Ich bin darüber weniger erfreut, mich gleich zwischen Alkohol-Zigaretten-Pissgestank zu quetschen.

Darüber hinaus habe ich meine Tage bekommen und meine halbe Jeans ist zwischen den Beinen schon durchnässt. Ich setzte mich also nicht auf die schönen Buspolster, sondern stehe neben einem Mädchen – geschätzt 15 Jahre alt, welches laut telefoniert und Kopfhörer im Ohr hat. Dabei hält sie das Telefon nah an ihrem Mund. Warum hält sie es nicht direkt an ihr Ohr und tut die dämlichen Kopfhörer raus?

Ich werde es in diesem Leben nicht mehr verstehen. Damit muss ich klar kommen.

Zu Hause angekommen quält sich derkleineFuxxa aus seinem Körbchen, um mir „hallo, musst Du so spät heimkommen“ zu sagen.

Ich fühle mich erschöpft und folge ihm zurück zu seinem Körbchen. Ich lasse mich daneben fallen und habe einen innerlichen Widerstand mich abzuschminken. Das ist ein absoluter Zwang von mir: Ich kann nicht geschminkt ins Bett fallen. Ich bewundere alle, die morgens in ihrem von Wimperntusche schwarzgefleckten Kissen aufwachen können. Ich sträube mich dagegen. Das ist das einzige Konsequente in meinem Leben, dass ich komplett durchziehe.

DerkleineFuxxa hat schon wieder die Augen zugemacht, während ich ins Bad schlurfe und mir Kokosöl ins Gesicht klatsche, um alle unnatürlichen Farbpigmente auf meiner Haut zu entfernen.

„Was für ein Abend“, denke ich mir, „voll abgetanzt, nicht betrunken, Frisur und Make-Up sehen noch prima aus – soweit man das sagen kann.“

Ich finde, man merkt mir überhaupt nicht an, dass ich älter geworden bin. Ich halte super durch! Ich bin total die Partyqueen!

– „Und Melli, was hast Du so am Wochenende gemacht?“
– „Ich war total abfeiern mit meiner kleinen Schwester. Wir haben den ganzen Club sowas von gerockt. Total interessante Leute kennengelernt! Hammer! Müssen auch mal wieder zusammen weggehen.“

 

Heiße Party Grüße,

Melli

Quelle Bild: pixabay.com

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Ein Gedanke zu “30 – Ein Ausflug ins Partyleben danach”

  1. Leider geil 😀

    Ich war am WE auch krass feiern, auf Pret A Diner. Da lief wahrscheinlich niemand der Klasse „Miami State Prison“ rum, dafür füllte sich die Tanzfläche gegen 00:30 mit Dirndln und Lederhosen. In welchem mehr Silikon steckte kann ich bis heute nicht sagen, auch nicht wie alt sie waren, denn die Mimik war komplett vom Nervengift abgeschossen. Wir sind dann heim, zu Fuß, ohne Nachtbus dafür mit ’nem Dönerteller für’n 10er. Party hard undso.

    Gefällt 2 Personen

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